„Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie“

„Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie“

Mit diesem Zitat von Erich Kästner startet eine Einführung über krankheitsbezogene Ängste. Angst hat viele Gesichter – auch bei Patienten mit Alpha-1-Antitrypsinmangel. Häufig bleiben Ängste im normalen Behandlungsalltag unausgesprochen. Doch gerade verdrängte Ängste entfalten ihre zerstörerische Macht. Die mutige Auseinandersetzung mit ihnen lohnt umso mehr.

Häufige Ängste bei Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen

Alpha-1-Antitrypsinmangel (AATM) zeigt ähnliche Lungenveränderungen wie eine „klassische“ COPD. Für COPD-Patienten gibt es inzwischen nicht nur Studien zu den typischen Ängsten, sondern auch ein valides (verlässliches) Erfassungsinstrument – den COPD-Angst-Fragebogen (CAF). Er listet die häufigsten krankheitsbezogenen Ängste auf:

  • Angst vor Dyspnoe (Atemnot)
  • Angst vor körperlicher Aktivität
  • Angst vor sozialer Ausgrenzung
  • Progredienzangst (Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung) und End-of-life-Angst (Angst vor Sterben und Tod)
  • Angst bezüglich Partnerschaft
  • Angst bezüglich LTOT (Langzeit-Sauerstofftherapie)

Diese krankheitsbezogenen Ängste sind untereinander verknüpft und wirken sich auf das psychische Befinden, die Lebensqualität und den Krankheitsverlauf bei COPD-Patienten aus. Es liegt nahe, dass die ähnliche Lungensymptomatik zu vergleichbaren Ängsten bei AATM-Patienten führt. Ein weites Feld für die Forschung! In diesem und den folgenden Artikeln soll es jedoch um die Bedeutung der Ängste für das tägliche Leben mit AATM gehen. Dabei werden nacheinander sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Besonderheiten der einzelnen Ängste beleuchtet.

Erster Bereich: Ängste bei Atemnot

Angst vor Atemnot schildert ein Patient beispielsweise so: „Wenn nichts mehr geht mit der Luft. Panik pur – das prägt sich im Gedächtnis ein. Es ist schwierig, das allein in den Griff zu bekommen.“ Wer einmal Angst bei Atemnot erlebt hat, zeigt danach häufig Angst vor Atemnot und in der Folge atemnotbezogene Ängste vor Auslösesituationen, wie beispielsweise körperlichen oder emotionalen Belastungen. Die Psychopneumologie greift bei Atemnot-Ängsten auf bewährte psychologische Konzepte zurück und passt sie an die spezielle Situation von Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen an.

Was hilft bei Atemnot-Ängsten?

Der Lösungskoffer bei AtemnotFolgende Angebote füllen den „Lösungskoffer“ für Patienten mit Atemnot-Ängsten. Die Patienten sollten alle Angebote kennen und bei Bedarf die persönlichen „Favoriten“ einsetzen. Schauen wir uns die einzelnen Elemente im „Lösungskoffer“ nacheinander an.

Psychoedukation

Hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich die Vermittlung eines Störungskonzeptes, z. B. das Teufelskreismodell der Atemnot-Angst (siehe Grafik 1). An diesem Modell kann auch der Ausstieg aus dem Teufelskreis erklärt werden – siehe Grafik 2.

Verhaltensmedizin

Darunter fallen beispielsweise Methoden der Verhaltenstherapie, wie die Veränderung von automatischen Gedanken und Fehldeutungen körperlicher Empfindungen (siehe Tabelle 1).

Den Königsweg der Angstbehandlung beschreitet die Verhaltensmedizin mit der Angst-Konfrontation. Hierbei geht es darum, den Ängsten durch Aufmerksamkeitslenkung ihre Macht zu nehmen. Bewährt haben sich Interventionen der Achtsamkeitsbasierten Therapie wie:

  • das eigene Denken beobachten
  • Gelassenheit entwickeln
  • den gegenwärtigen Augenblick bewusst wahrnehmen
  • wissen, was mir wirklich wichtig ist

Hilfreich sind auch kurzzeitige Ablenkungs-Strategien, z.B. die 5-4-3-2-1-Methode:

  • 5 Gegenstände in der Umgebung aufmerksam betrachten und benennen
  • 5 Geräusche/Laute aufmerksam wahrnehmen und nennen
  • 5 Farben in der Umgebung entdecken und benennen

dann:

  • 4 Gegenstände beobachten und nennen (es können dieselben wie oben sein oder andere)
  • 4 Geräusche/Laute …
  • 4 Farben …

danach:

  • 3 Gegenstände …
  • 3 Geräusche/Laute
  • 3 Farben …

usw… Sie haben das Prinzip längst verstanden, oder?!

Mind-Body-Medizin

Hier tummeln sich alle Methoden zur Stärkung der Selbstwirksamkeit, bei denen Patienten durch regelmäßiges Üben lernen, ihre körperlichen Symptome zu beeinflussen, z.B. Atemtechniken, Entspannungsverfahren (Progressive Muskelentspannung), Bio-Feedback, Funktionelle Entspannung, Yoga, Tai Chi, Qi Gong, usw.. Wenn ich Patienten auf diese Methoden hinweise, erlebe ich leider immer wieder Skepsis und Ablehnung. Doch gerade die Angebote der Mind-Body-Medizin können in Studien gute Effekte auf die Selbstwirksamkeits-Überzeugungen nachweisen. Dieser Kompetenzgewinn ist wiederum entscheidend für den Umgang mit Atemnot-Ängsten.

Medikamente

Bei aller Skepsis gegenüber „Psychopharmaka“ – angstlindernde Medikamente können bei sorgfältiger Abwägung mitunter hilfreich sein. Manchmal eröffnen sie sogar erst den Weg für die psychologischen
Angebote. Mehr über die einzelnen Elemente im „Lösungskoffer“ für Patienten mit Atemnot-Ängsten erfahren Sie in der Broschüre „Ängste bei Atemnot – Wege aus dem Teufelskreis“ zum kostenlosen Download.

Ausblick

In engem Zusammenhang mit der Angst vor Atemnot steht die Angst vor körperlicher Aktivität. Diese „Belastungs-Angst“ führt zum Rückzug und verstärkt ihrerseits die Angst vor Beziehungsproblemen und sozialer Isolation. Schließlich lassen sich auch die Ängste vor Verschlimmerung und Lebensbedrohung nicht von den übrigen Krankheitserfahrungen trennen. Die verschiedenen Ängste sind eng miteinander verknüpft – zeigen sich jedoch in unterschiedlichen Formen. In den kommenden Artikeln werden die weiteren Ängste bei AATM beleuchtet, u. a. die Ängste vor den sozialen Auswirkungen und vor dem Fortschreiten der Erkrankung. Keine leichte Kost! Aber die Auseinandersetzung lohnt sich – getreu dem Spruch von George Bernard Shaw: „Tapferkeit wird dadurch nicht schlechter, dass sie ein wenig schwerfällt.“