Erfahrungsbericht: Unverhofft kommt oft – oder mein persönliches Corona-Impferlebnis

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Gaby Tronnier

Freitagabend. Ich trage gerade meine Arbeitszeiten vom Homeoffice ein, da ertönen drei E-Mail-Eingänge kurz nacheinander. Ich schaue zu meinem Computer rüber und sehe, meine Gruppenleiterin, Heike Isensee, hat geschrieben. Im Vorschaufenster lese ich als Überschrift: Impfung. Nanu, was kommt jetzt.

Ich beginne zu lesen. Der Blutdruck steigt. Ich kann‘s kaum glauben. Der heißersehnte Pieks – er ist zum Greifen nahe. Also sofort ran an die Tasten. Mit Handy und Kaffee bewaffnet, lege ich los. Apropos Kaffee. Herr Kretschmann eine Einladung zum Kaffee ist Ihnen als Dankeschön sicher.

Ich starte meinen Internet-Browser. Die Befehlszeile vom allwissenden Google erscheint. Mit zittrigen Händen tippe ich ein www.impfterminservice.de. Flugs erscheint die Anmeldemaske. Um es mit Boris Beckers Werbeslogan zu sagen: „Ich bin drin.“ Unglaublich, denke ich, und so schön übersichtlich.

Mit der Maus betätige ich den kleinen nach unten weisenden Pfeil im oberen der beiden umrahmten Felder. Es erscheinen die einzelnen Bundesländer von denen ich Baden-Württemberg auswähle. Als Impfzentrum wähle ich auf die gleiche Art und Weise Meßstetten aus. Daraufhin wird in dem Feld Detailinformationen meine getroffene Auswahl angezeigt. Um Notierung derselbigen wird gebeten. Ich ignoriere diesen Hinweis mit dem Gedanken, dass kann ich mir das noch merken. Via dem magentafarbenen Button (wie bei der Telekom, hier werden sie geholfen ) geht’s weiter ZUM IMPFZENTRUM. Mir wird die Frage gestellt, ob mein Anspruch auf eine Corona-Schutzimpfung schon geprüft sei, sprich ein Vermittlungscode vorläge. Wahrheitsgemäß verneine ich diese Frage, was sich durch einen Sprung in das dafür vorgesehene Feld erledigen lässt.

Ein mit Paragraphenzeichen gespickter, nie enden wollender Text empfängt mich auf der nächsten Seite. Uih, schwere Kost. Tapfer kämpfe ich mich durch den Buchstabenwust und stoppe beim Paragraph 3, Ziffer 2. Dort steht: …Menschen mit chronischen Erkrankungen wie COPD …. Schwarz auf weiß steht es und lächelt mich an. Freudig stelle ich fest, ich gehöre zu den Glücklichen. Die Frage nach der Zugehörigkeit zu einer der genannten Personengruppen beantworte ich mit ja, tippe danach noch mein Alter ein und lasse anschließend die SCHNELLPRÜFUNG DURCHFÜHREN.

Bei der nächsten Maske angekommen, denke ich, jetzt wird’s ernst. Ich muss mich outen. Langsam schreibe ich meine E-Mail-Adresse in das dafür vorgesehene Feld – bloß keinen Fehler machen. Danach wird meine Handynummer vom System gewünscht. Zum Glück ist es so gut gemacht, dass weder die Vorwahl von Deutschland (+49), noch die erste Ziffer der Handynummer (immer die 0) zu erfassen sind. Ich trage sozusagen den Rest meiner Handynummer ein und fordere einen Vermittlungscode an.

Quasi in Echtzeit wird in dem Nachrichtenverzeichnis meines Handys ein Verifizierungs-PIN anzeigt. Dieser ist mit dem Hinweis ausgestattet → 10 Minuten gültig. Jetzt aber fix, keine Zeit vertrödeln. Wer weiß, was noch alles zu machen ist. Ich positioniere also den Mauszeiger in dem Feld für die PIN-Eingabe, und schreibe den PIN von meinem Handy ab. Das Ausführen des VERIFIZIEREN-Buttons führt mich zur nächsten Seite.

Oh Schreck, doch was falsch gemacht. Die Seite habe ich schon mal gesehen. Erleichtert stelle ich fest, dass am oberen Seitenrand ein Feld eingeblendet wird, welches mich auffordert in mein E-Mail-Verzeichnis zu schauen. Ich wechsele daher vom Internet-Browser in mein E-Mail-Programm. Mist, ist ja gar nichts gekommen, und nur insgesamt 10 Minuten Zeit. Dann fällt’s mir ein. Um die neue E-Mail sofort angezeigt zu bekommen, muss ich die Aktion „Alle Ordner senden/empfangen“ (bzw. in Outlook die F9-Funktionstaste drücken) durchführen. Ich betätige die F9-Taste und im Nu erscheint eine E-Mail vom Absender noreply@impfterminservice.de.

Super, so kann’s weitergehen. Die soeben geöffnete E-Mail enthält einen Vermittlungscode. Unterhalb diesem drücke ich noch den TERMINE BUCHEN-Button und komme dem Ziel Impftermin mit großen Schritten näher. Im selben Moment werde ich darüber aufgeklärt, dass die zwei notwendigen Impftermine als Paar gebucht werden sollen. Na, dass nenn ich ja mal praktisch. Und obwohl ich schon mein ganzes Berufsleben lang täglich am Computer arbeite, bin ich plötzlich ganz aufgeregt, als ich den TERMINE SUCHEN-Button betätige.

Mehrere Zeilen mit möglichen Terminpaaren werden mir angezeigt. Per Mausklick auf das kreisrunde Feld hinter der Datumszeile wähle ich gleich den ersten Termin am Dienstag um 10:15Uhr aus. Irgendwie komme ich meinen Gedanken gar nicht hinterher.

Die nächste Seite fragt meine persönlichen Daten ab. Beflügelt fülle ich diese aus. Danach bestätige ich durch den TERMINE BUCHEN-Button meinen Impftermin bindend. Super. Weiter geht’s, bin noch nicht fertig, denn der E-MAIL BESTÄTIGEN-Button ist noch anzuwählen. Er sorgt für die Ankündigung, dass ich nach erfolgreicher Bestätigung die Buchungsbestätigung erhalte.
Ich wechsele also erneut vom Internet-Browser in mein E-Mail-Programm und drücke die F9-Taste. Pling, pling. Im header steht „Bestätigung der Terminbuchung“. Ausnahmsweise begeistert mich die deutsche Genauigkeit. Schnell öffne ich die beiden E-Mails und jage sie durch den Drucker.

Ich springe auf, balle beide Fäuste und schreie Tschacka. Mein Lungensporttrainer, Peddar, würde diese Bewegung bestimmt kommentieren . Unfassbar. Ich freue mich, Ostfriesen like, wie ein Kluntje im Tee. Jetzt erstmal durchschnaufen und die Ruhe bewahren. Nachdenken. Was ist noch zu tun? Impfpass rauskramen, Personalausweis und Gesundheitskärtchen in ein Mäppchen legen. Bloß nichts vergessen.
Ach ja, unsere liebe Heike hatte uns noch den Tipp gegeben, von unserem Hausarzt eine Bescheinigung unserer Impfberechtigung nach §3, Ziffer 2 ausstellen zu lassen. Die formlose Bestätigung ist schnell geschrieben und gedruckt. Nur noch am Montag unterschreiben lassen.

Geschafft, nur noch 4mal schlafen.

Nach dem Abendbrotessen mogeln sich immer wieder seltsame Gedanken in mein Hirn. Nur nicht vorher noch krankwerden. Hoffentlich keine Migräneanfall. Mein Körper muss einfach mitmachen, daher ist ganze Wochenende viel Bewegung an der frischen Luft angesagt: Fahrrad fahren, laufen und ausgiebige Spaziergänge mit einem Eis on top. Zur Feier des Tages. Glücklicherweise kann ich am Montag noch arbeiten gehen und somit die bösen Geister im Zaum halten.

Dienstagmorgen, 7:00Uhr, aufstehen. Hurra, keine Migräne. Was soll jetzt noch schief gehen? Mein Mann und ich genießen unser gemeinsames Frühstück. Danach verkrümele ich mich nochmal ins homeoffice. Anschließend schmiere ich uns Brote und richte Getränke, denn laut den Pressemeldungen wartet man ganz schön lange. Denn es gibt scheint‘s Leute, die ich persönlich mit den sogenannten Handtuchlegern aus dem Urlaub vergleichen würde, die sich mit der Luma mitten in der Nacht vor der Paul-Horn-Arena in Tübingen postieren. Unglaublich.

Wir sind also gut gerüstet und brausen los. Ganz nach dem Motto: Deutsche Pünktlichkeit ist 5 Minuten vor der Zeit kommen wir an der Zufahrtsstraße zum Militärstützpunkt Meßstetten an. Ganz langsam fahren wir weiter. Viele leerstehende Kasernen und verlassene Straßen. Ich warte nur darauf, dass uns jeden Augenblick, wie im Western, Heuballen um die Ohren fliegen.
Glücklicherweise passiert nichts dergleichen und nach ca. einem Kilometer erreichen wir das ehemalige Offizierskasino.

Na, das ist ja mal ein netter Ort zum Impfen, denke ich. Wir parken und wundern uns, dass kaum Autos dastehen, und die erwartete Menschenschlange gerade mal 14 überwiegend junge Personen umfasst. Hääh, wie funktioniert das hier? Sogleich wird das Rätsel gelüftet. Es erscheint eine Frau an der Tür, die die nächste Gruppe mit Termin um 10:10Uhr aufruft und in das Kasino führt. Oh wie schön, ich muss einmal nicht während der Pandemie in der Schlange stehen. Gleich mit der nächsten Gruppe betreten mein Mann und ich die heilbringenden Hallen. Sofort wir werden darauf eingestimmt, immer den gelben Pfeilen auf dem Fußboden zu folgen.

Alles macht einen ganz aufgeräumten Eindruck. Keine Helfer, Ärzte oder Security-Beauftrage kreuzen unseren Weg zum Desinfektionsmittelspender und anschließenden Fiebermessen. Ist ja eigentlich schade, denn so ’ne Ordonanz mit Häppchen und kalten Getränken wäre doch auch nicht zu verachten. Wir folgen brav den gelben Pfeilen und gelangen zur Anmeldung. Nach der Übergabe von Terminbestätigung und Personalausweis werde ich noch gefragt, ob ich mich aus beruflichen oder medizinischen Gründen impfen lassen möchte. Ich antworte aus medizinischen Gründen und bekomme ein nicht zu identifizierendes Symbol auf meinen Laufzettel gemalt.

Links ab, immer auf den Boden blickend, geht’s weiter. Nach ein paar Metern nimmt uns ein Helfer in Empfang und bittet uns im großen Saal Platz zu nehmen. Wir gehen hinein, setzen uns und plötzlich knackt es. Eine sonore Stimme ertönt und auf dem großen Fernseher an der Wand erscheint ein Sprecher. Ein Dokumentarfilm klärt die Anwesenden über die Pandemie, das Corona-Virus, die verschiedenen Impfstoffe und ihre Wirkungsweisen auf. Der meinige von AstraZeneca ist auch dabei. Er basiert auf Erkältungsviren, die normalerweise Schimpansen infizieren. Diese Viren werden mit einem Teil der Erbsubstanz von SARS-CoV-2 ergänzt. Also praktisch „verkleidet“. Das gaukelt dem Körper eine Infektion vor, und löst damit die Produktion von Antikörpern aus. Also so, hat mir das auch noch keiner erklärt. Das ist ja interessant.

Während ich noch über das eben gehörte nachdenke, geht es auch schon weiter bis zum Schreibtisch an der nächsten Ecke. Hier muss ich meine Gesundheitskarte vorzeigen, und die Dame fragt mich, ob ich meinen Impfausweis dabei hätte. Ich nicke und bejahe die Frage. Sehen will sie ihn nicht. „Erst später“, sagt sie.

Immer schön der Markierung nach gehen wir weiter die Gänge entlang. Schon von weitem sehen wir die Rückseiten aneinandergereihter Impfkabinen. Davor stehen viele Stühle von denen ein paar besetzt sind. Ordentlich setzen wir uns hinten in der Stuhlschlange an. Mich erinnert‘s an eine Reise nach Jerusalem. Das Spiel hat mir immer Spaß gemacht. Ein junger Mann beobachtet das Geschehen und grinst freundlich. Ich glaube, er denkt dasselbe wie ich.

Stuhl für Stuhl rücken wir auf. Es geht wirklich schnell. Am Ende der Stuhlreihe können wir bereits erkennen, was nach dem Aufrücken geschieht. Um die Eingänge der Kabinen sind Ketten mit Leuchtdioden gespannt, die fröhlich in rot und grün blinken, und uns nach nur wenigen Sekunden den Zutritt signalisieren. Die dritte Kabine von links ist die unsrige. Mein Mann und ich schauen uns an und um. Ganz schön geräumig. Ein junger, Tattoo affiner Assistent bittet mich um meinen Impfpass. Er bietet uns einen Platz an, und wir warten gespannt was passiert.

Ich horche auf. Stramme Schrittgeräusche nähern sich der Kabine. Und plötzlich steht er vor mir, mein persönlicher Retter in Tarnanzug und Springerstiefel. „Guten Tag“, Sander. „Sie möchten sich impfen lassen.“ Sofort türmen sich tausend Fragen in meinem Kopf zu meterhohen Wolken auf. Sie schreien alle, frag mich, nein mich. Ich weiß nicht, was ich zuerst fragen soll, und erzähle ihm, dass ich die Stoffwechselerkrankung Alpha1-Antitrypsinmangel habe, und nicht so richtig wüsste, ob AstraZeneca für mich der richtige Impfstoff sei. Er runzelt leicht die Stirn. Ein Zeichen für mich mit dem Krankheitsbild kann er nichts anfangen. Aber ganz geduldig, beim Versuch das Wort Alpha1-Antitrysinmangel auszusprechen leicht ins Stottern geratend, erklärt er mir, dass das Zeug schon gut sei. Aber der russische noch besser, denn da kämen zwei Affenarten zum Einsatz. Ach ja, von der Verwendung einer Affenart hatte ich gerade gehört. Und, wie hieß nochmal der Stoff? Sputnik oder so?

„Haben Sie andere Impfungen gut vertragen?“, fragt er mich zackig. Ich nicke, und fasse sein Nicken als Ermutigung auf. Etwas erleichtert denke ich, nich lang schnacken, Kopp in Nacken. Das heißt soviel wie Ärmel hochkrempeln und auf geht‘s. „Zählen Sie mal bis drei.“ Ich muss schmunzeln. Wie das klingt? Ich hoffe doch, dass alle hier bis drei zählen können . Ich beginne also im Geiste zu zählen und schaue Dr. Sander erwartungsvoll an. „Fertig nur noch das Pflaster“, sagt er, und kritzelt schon die Unterschrift ins Impfbuch. Ähm, wie jetzt? „Ich habe gar nichts gemerkt,“ sage ich erstaunt. Er grinst und erwidert: „Mach das ja auch schon seit dem 27. Dezember“. Na dann, denke ich, und bedanke mich höflich.

Wir verlassen die Kabine und landen anschließend in einer Art Aufenthaltsraum. Eine ältere Frau klärt uns darüber auf, dass wir hier 15 Minuten warten sollen. Außerdem fragt sie uns, ob wir etwas trinken möchten. Dankend nehmen wir an. Sie notiert die Uhrzeit, und wir setzen uns. Gespannt beobachten wir, was so um uns herum passiert. Eigentlich nichts Besonderes, denn die meisten Leute reden leise oder dösen vor sich hin. Doch dann plötzlich stürmt eine ältere Dame mit ihrer Tochter im Schlepptau zur Abmeldung, und erklärt dem etwas erschrocken wirkenden Helfer im breitesten Schwäbisch: „I han keia zeid mehr. I muss hoim kocha. Mai Mo hedd hungr“. Wir müssen lachen. Die Rentner haben einfach nie Zeit.

Nachdem auch ich meinen Laufzettel abgegeben habe, schlendern wir zum Parkplatz, und fahren gemütlich nach Hause. Jegliche Aufgeregtheit ist verflogen und macht einer inneren Zufriedenheit Platz. Nach unserem gemeinsamen Mittagessen habe ich den restlichen Tag im Homeoffice verbracht und mich sauwohl gefühlt. Ich muss gestehen, ich habe abends das Pflaster abgemacht, und geschaut, ob da wirklich Blut zu sehen war. Es war. Puh .

Mein persönliches Corona-Impferlebnis wird mir immer in guter Erinnerung bleiben.

Zu guter Letzt möchte ich mich bei allen bedanken, die mir diesen Schritt zurück in ein unbeschwerteres Leben ermöglicht haben. Dankeschön und bleibt auch ihr gesund.

Gaby Tronnier, 8. März 2021

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