Warmer Empfang im kalten Graz

Schneebedeckte alpine Landschaften ziehen an uns vorbei, selbst durch die dicke Fensterscheibe im Zugabteil spürt man den Frost da draußen. Wir fahren nach Graz zum Gruppenleitertreffen des Alpha1 Österreich gem. V. Mein Mann Alexander Niepel ist nicht nur der SHG-Leiter in München, sondern auch Vereinsmitglied beim österreichischen Verein, deswegen springt er gerne als Vertreter des deutschen Vereins auf unserer „Auslandsmission“ ein. Nach fünf Stunden Zugreise und einer anschließenden Taxifahrt kommen wir pünktlich im steierischen Hotel „Staribacher“ an. Bekannte Gesichter trifft man bereits an der Rezeption: Ella Geiblinger und Christa Rapp trommeln alle für eine Busführung durch Graz zusammen. Die Stadt ist hübsch und abwechslungsreich, verbindet moderne Kunst und Architektur wie das Kunsthaus oder die Murinsel mit der jahrhundertlangen Tradition des Franziskanerviertels oder der prachtvollen barocken Herrengasse. Unsere Reiseleiterin Maria erzählt begeistert einen Schwank nach dem anderen aus der Geschichte der steierischen Hauptstadt, während die verfrorenen Ausflügler ebenfalls einer nach dem anderen Richtung Bus verschwinden… Erst im Hotel spürten wir unsere Extremitäten wieder und freuten uns mehr über einen heißen Tee als jeden Aperitif der Welt. Den von Ella angedrohten Aufsatz zur steierischen Geschichte für besonders „aufmerksame und wissbegierige Schüler“ mussten wir zum Glück nicht schreiben.

Am Samstag wurde gearbeitet: vorgestellt, diskutiert, ausgetauscht, nachgefragt, ergänzt, widersprochen, erklärt, gestaunt, aufmerksam zugehört und gelernt… Die Übersichtlichkeit der Runde erlaubte zu jeder Zeit kurze Zwischenfragen und Kommentare. Man versuchte alles aufzunehmen, was auch in der eigenen SHG verwendet werden könnte. Zum Beispiel brachte die Erzählung von der Donaufahrradtour mit einem E-Bike, die eines unserer Münchner Mitglieder mit stark eingeschränktem Lungenvolumen im Sommer unternommen hatte, unsere österreichischen Kollegen auf die Idee, ein Gruppentreffen im Format eines Radausfluges zu organisieren (der Verein hat sich bereit erklärt, die Verleihgebühr für E-Bikes zu übernehmen). Eine positive Resonanz fand auch die Erwähnung der anstehenden Wanderung auf dem Jakobsweg, die von Alpha1 Spanien und der Kölner Gruppe unter der Leitung von Bernd Dobbert für Ende August geplant ist. An dieser Stelle merkte man, dass grundsätzlich ein großes Interesse an der internationalen Zusammenarbeit nicht nur auf der Vereinsebene, sondern auch unter den SHG bestünde. Wir als Münchner sind dabei auch auf die Idee gekommen, dass man etwas mit der Salzburger Gruppe zusammen unternehmen könnte: von München sind das 150 km. Unsere Gruppe hat Mitglieder, die für ein zweistündiges Treffen 150 km fahren!

Der Austausch war produktiv: auf beiden Seiten ist man sehr bestrebt, neue Mitglieder zu gewinnen, alte zu behalten, zu informieren, auf dem aktuellsten Stand der Forschung zu halten. Dazu wurde in Graz unter anderem vorgeschlagen, im Vereinsmagazin für Österreich bzw. Deutschland eine oder zwei Seiten in jeder Ausgabe mit der gleichen Kurzinformation zur Erkrankung zu belegen, damit auch Unbeteiligte im Wartezimmer mit dem zufällig in die Hand genommenen Magazin etwas anfangen können und Neumitglieder einen schnellen Einstieg in die Materie finden, ohne dass sie sich alte Ausgaben besorgen müssen. Zum Thema „Webseite“ wurde überlegt, ob man bei den deutschsprachigen Landesvereinen in der Schweiz, Deutschland und Österreich eine DACH Webseite mit wissenschaftlichen und weiteren Grundinfos aufbauen könnte.

Die Nachmittagsrunde des Treffens übernahm ein Vertreter des Sozialministeriumservices, Landesstelle Steiermark, Magister Bruno Zinkanell, der sowohl einige spannende Geschichten aus dem Alltag eines Sozialdienstbeamten als auch praktische Tipps für Menschen mit Behinderung für Anwesende parat hatte und bereits ein paar vorsorglich mitgebrachte Formulare austeilen konnte.

Nach einem intensiven Arbeitstag wurde am Abend wieder lecker gespeist. Mir schien, als würden uns unsere Gastgeber alle Spezialitäten aus Kärnten und Steiermark, Tirol und Salzburg an einem einzigen Abend servieren wollen. So kam es, dass nach einem feinen Dessert wie Apfelnockerl im Nussmantel ein Berg von einem Brathendl als weiterer Gang serviert wurde. Der Versuchung alles zu kosten, konnte man nicht widerstehen. Am schönsten war jedoch die ausgelassene Stimmung am Tisch. Wenn man bedenkt, dass praktisch jeder in der Runde bittere Verluste einstecken musste und einige Bände Krankengeschichte von sich selbst oder den Angehörigen zu Hause im Regal stehen hat, weiß man die lebensbejahende Art und Frohmut unserer österreichischen Alpha-Freunde umso mehr zu schätzen.

So werden uns die steierische Küche und Weinkultur, grenzenlose Gastfreundschaft der österreichischen „Alphas“ und deren offen gelebte, herzliche, ansteckende Lebensfreude bestimmt noch einmal nach Österreich führen. Auch Graz ohne taube Finger und blaue Lippen wäre sicherlich eine weitere Reise wert. Pfiati und baba, Österreich!
Irina Niepel

Weitere Informationen zu Alpha1 Österreich finden Sie im Internet:

www.alpha1-oesterreich.at

Alpha1 Österreich
Gemeinnütziger Verein
für Alpha-1-Antitrypsinmangel-Erkrankte

Tel.:+43(0)676/95 00 370
E-Mail: info@alpha1-oesterreich.at