Dr. Inga Jarosch, Schön Klinik Berchtesgadener Land, Schönau

Atemnot und Inaktivität bei COPD

Das wesentliche Symptom der COPD ist die Atemnot. Sie ist nicht nur sehr unangenehm, sondern setzt auch eine Abwärtsspirale in Gang: wegen der Atemnot meidet man körperliche Belastungen, darunter leiden Ausdauer und Kraft der Muskulatur, sodass die Kondition abnimmt, was wiederum die Atemnot bei der nächsten körperlichen Belastung verstärkt. Die Atemnot selbst löst auch Angstgefühle aus. Im psychosozialen Bereich wirkt sich Atemnot aus, wenn man beispielsweise nur noch eingeschränkt an Aktivitäten mit Familie und Freunden teilnehmen kann.
Die COPD gilt heute als eine Erkrankung, die nicht allein auf die Lunge beschränkt ist. Vielmehr sind andere Bereiche des Körpers mitbetroffen, vor allem das Herz-Kreislauf-System, aber auch Stoffwechsel und Knochen. Und nicht zuletzt die Muskulatur, wie aktuelle Forschungsergebnisse zeigen. Die Skelettmuskulatur selbst ist bei COPD durch chronische Entzündungsprozesse, Sauerstoffmangel, eine negative Energiebilanz oder auch unerwünschte Effekte von Medikamenten verändert.

Pneumologische Rehabilitation als umfassende Behandlung

Die Abwärtsspirale lässt sich mit pneumologischer Rehabilitation durchbrechen. Die heutigen Aufenthalte in Lungenfachkliniken über mindestens 3 Wochen haben nichts mehr mit der Kur von früher zu tun. Vielmehr basiert die Rehabilitation auf modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die von internationalen Experten in Behandlungsleitlinien veröffentlicht wurden. Bei der Rehabilitation arbeiten Behandler aus unterschiedlichen Berufsgruppen zusammen, um für jeden individuellen Patienten das optimale Reha-Programm zu entwerfen. Die wesentlichen Komponenten sind körperliches Training, Schulung sowie Motivation für eine Verhaltensänderung.
Die ärztliche Diagnostik beinhaltet umfassende Lungenfunktions- und Blutuntersuchungen. Die Mediziner erfragen die medikamentöse Therapie und stellen sicher, dass inhalative Medikamente richtig angewendet werden. Auch eine Langzeitsauerstofftherapie oder eine nichtinvasive Beatmung werden hinsichtlich ihrer Einstellungen auf eine optimale Wirkung überprüft. Information und Schulung zu medizinischen Fakten sind wichtig, um den Patienten selbst zum Experten seiner Krankheit zu machen. Die Motivation, den eigenen Lebensstil positiv zu verändern, wird in der Reha gefördert. Mit psychologischer Unterstützung können Angstgefühle thematisiert und behandelt werden.
Bei der Physio- und Trainingstherapie geht es darum, die Ausdauer, die Kraft und die Koordination des Patienten zu verbessern. Im Zentrum stehen dabei Aktivitäten im Alltag des Patienten, beispielsweise das Treppensteigen zuhause.

Wirksamkeit der pneumologischen Rehabilitation bei COPD

Die Rehabilitation ist die effektivste Behandlungsmaßnahme zur Linderung von Atemnot, zur Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit und der Lebensqualität des Patienten. Davon profitieren COPD-Patienten aller Schweregrade. Die größten Effekte werden bei mittelgradiger oder schwerer COPD erzielt. Wissenschaftler haben Forschungsergebnisse zur Rehabilitation aus vielen Studien zusammenfassend ausgewertet. Bei der Lebensqualität zeigten sich für den Patienten spürbare Verbesserungen der Dimensionen Müdigkeit, Stimmungslage, Krankheitsbewältigung und Atemnot. Die körperliche Leistungsfähigkeit wird häufig mit dem 6-Minuten-Gehtest gemessen. Dabei zeigte sich nach Rehabilitation im Durchschnitt eine Verbesserung der Gehstrecke um 44m, was einem sehr guten und für den Patienten wichtigen Ergebnis entspricht. Die genannten Zahlen beziehen sich auf den Vergleich zwischen Rehabilitation und einer Kontrollgruppe ohne Rehabilitation.

Erhielten Patienten direkt nach einer COPD-Exazerbation eine pneumologische Rehabilitation, stieg ihre 6-Minuten-Gehstrecke durchschnittlich sogar um 62m stärker an als in der Kontrollgruppe. Auch die Lebensqualität nach Exazerbation verbesserte sich nach Rehabilitation deutlich. Ein ebenso wichtiges Ergebnis war, dass während der Nachbeobachtungszeit weniger Patienten erneut im Krankenhaus aufgenommen werden mussten, wenn sie an einem Reha-Programm teilgenommen hatten. Wurde nicht nur körperlich trainiert, sondern eine umfassende Rehabilitation durchgeführt, war auch die Sterblichkeit geringer als bei Kontrollpatienten.

Unterschiede zwischen COPD und AATM

Zwar wird der AATM zur Gruppe der chronisch obs-truktiven Lungenerkrankungen gerechnet. Es gibt aber entscheidende Unterschiede: Betroffene mit AATM sind meist jünger, können trotz Nichtrauchens schwer lungenkrank werden und leiden viel häufiger an Bronchiektasen als COPD-Patienten. Dem AATM, nicht aber der COPD, liegen genetische Veränderungen zugrunde. Und nur bei AATM hilft eine Substitutionstherapie mit Alpha-1-Antitrypsin.
Die internationalen Leitlinien für pneumologische Rehabilitation empfehlen seit 2013 konkret eine pneumologische Rehabilitationsmaßnahme auch für AATM-Patienten mit COPD. Allerdings gab es bis dahin nur wenige Studien speziell zu Trainingseffekten bei AATM. Diese Lücke versucht die Forschergruppe aus der Schön Klinik Berchtesgadener Land zu füllen. Eine Auswertung von Krankenakten zeigte, dass COPD-Patienten nach Rehabilitation ihre 6-Minuten-Gehstrecke durchschnittlich um 62m verbesserten, während es bei AATM nur 48m waren. Dies deutete darauf hin, dass die Anpassungsprozesse nach Training womöglich bei AATM anders ablaufen als bei COPD-Patienten ohne AATM.

Effekte des körperlichen Trainings bei COPD und AATM

Für eine aufwändige Trainingsstudie willigten die Teilnehmer ein, sich zu Beginn und am Ende der Reha ein kleines Stückchen Muskelgewebe aus dem Oberschenkel entnehmen zu lassen. Außerdem wurden Kraft und Ausdauer mit Belastungstests dokumentiert und festgehalten, wie hoch die maximale Leistung des Patienten war. Es folgte ein stationäres Trainingsprogramm über 21 Tage mit fünf Trainingseinheiten pro Woche nach der Intervallmethode. Dabei wechseln sich kurze, sehr intensive Belastungsphasen und Ruhephasen ab. Während der Belastung, die nur 30 Sekunden dauert, bringt der Patient 100% seiner maximal möglichen Leistung, um sich danach 30 Sekunden lang auszuruhen. Das Ganze wird 10-20 Mal wiederholt. Ein solches Intervalltraining kann sehr gut auf die individuellen Möglichkeiten des Betroffenen angepasst werden, sogar bei schwer kranken Patienten. In einem Trainingsprotokoll notiert der Patient, wie stark seine Atemnot war und wie müde seine Beine sich anfühlten.

Die Auswertung dieser Trainingsstudie erfolgte bei neun Personen mit AATM-bedingter COPD und 10 COPD-Patienten ohne AATM. Sie hatten bereits stark reduzierte Lungenfunktionswerte, mit einer durchschnittlichen FEV1 um die 30% des Sollwertes. Ihre tägliche körperliche Aktivität war vergleichbar mit der von Lkw-Fahrern. Durch Training und Rehabilitation nahm bei AATM die körperliche Leistungsfähigkeit im Mittel um neun Watt zu, was einer relevanten Verbesserung entspricht. Allerdings kam es bei COPD sogar zu einem Anstieg um 18 Watt. Spannend war die Auswertung der Muskelbiopsien. Im Muskelgewebe befinden sich unterschiedliche Typen von Muskelfasern, z.B. die Typ-1-Fasern, die für die Ausdauer entscheidend sind und die Typ-2a-Fasern, die kurze und höhere Intensitäten ermöglichen. Bei gesunden Menschen ist zu erwarten, dass die Typ-1-Fasern nach einem Trainingsprogramm zunehmen. Die Studienpatienten mit AATM zeigten nach dem dreiwöchigen Training überraschenderweise keinen Anstieg der Typ-1-Muskelfasern, sondern nur der mehr kraftorientierten Typ-2a-Fasern. Bei COPD-Patienten fanden die Forscher ein anderes Bild. Ihre Muskelproben ähnelten mehr dem Befund eines gesunden Menschen, denn sie hatten nach dem Training mehr Typ-1-Fasern als zu Beginn. Die Ursachen für diese Unterschiede der Patientengruppen sind noch nicht klar. Es könnte aber sein, dass Menschen mit AATM besser von einer anderen Art des Trainings profitieren.
Die Forschergruppe der Schön Klinik Berchtesgadener Land beginnt zu diesem Thema eine neue Studie, für die noch AATM-Patienten gesucht werden! Sie sollen einen PiZZ-Typ haben, ihre FEV1 muss unter 50% des Solls liegen und sie dürfen keinen Diabetes mellitus haben. Der Ablauf der Studie wird ähnlich sein wie in der vorigen Trainingsstudie, d. h. es wird auch Muskelgewebe untersucht.

Aktiver Lebensstil zuhause

Eine Schwachstelle der Rehabilitation entsteht beim Übergang in die häusliche Umgebung. Wenn man von der Rehabilitation profitiert hat, wie kann diese Wirkung im Alltag zuhause erhalten werden? Ideal wäre natürlich, wenn der Patient weiter ambulant an einem Sportprogramm teilnehmen würde, beispielsweise am Lungensport oder an einer medizinischen Trainingstherapie. Allerdings können Ärzte Bewegung und Training nicht so einfach verschreiben wie ein Medikament.

Wichtig für jeden Menschen ist, im Alltag aktiver zu werden. Also weniger zu sitzen, sich nicht zu scheuen Treppen zu steigen, selbst wenn es nur langsam geht, und häufig spazieren zu gehen oder auf andere Weise mobil zu bleiben. Für COPD ist gesichert, dass ein aktiver Lebensstil das Leben deutlich verlängert und auch für Patienten mit AATM ist ein ähnlicher Effekt zu erwarten – auch wenn es, wie leider so oft – noch keine AATM-spezifischen Studien hierzu gibt.

Zusammenfassung: Prof. Dr. med Gratiana Steinkamp, so erschienen im Alpha1-Journal 1-2019.