Seit vielen Jahren schon hatte ich von einem Aufenthalt in Neuseeland geträumt. Im Jahr 2019 sollte es endlich soweit sein. Aber es standen sehr viele Hürden im Weg, die ich zunächst überwinden musste.

Da ich seit einigen Jahren substituiert werde, war dies die größte Herausforderung und ich schrieb zunächst Alpha1 Neuseeland an. Jim Clarke, einer der Verantwortlichen vor Ort, schickte mir umgehend einen Link zur neuseeländischen Blutbank, dem Blood Service.

Jim informierte mich auch darüber, dass mein Medikament in Neuseeland nicht zugelassen sei, dass es aber kein Hindernis für die Einfuhr des Medikaments gäbe, sofern es für den Eigenbedarf bestimmt sei.

Direkt nahm ich Kontakt zur Zentrale des neuseeländischen Blutzentrums auf und schilderte die Herausforderung. Schon nach wenigen Tagen bekam ich eine positive Antwort. Dr. Richard Charlewood erklärte mir in einer längeren Mail, dass das Blutzentrum für alle Infusionen in Zusammenhang mit Blutprodukten zuständig sei und dies neuseelandweit organisiere.

Er schickte mir einen Link mit allen für Infusionen zugelassenen Krankenhäusern auf beiden Inseln. Diese Liste glich ich mit meinen Reiseterminen ab und schickte Dr. Charlewood meine Terminvorschläge unter Angabe von Zeit und Ort. Wenige Tage später erhielt ich eine genaue Übersicht mit den entsprechenden Terminzusagen und zuständigen Ansprechpartnern.

In der Zeit vor meiner Abreise entwickelte sich ein reger Email-Austausch mit mehreren Personen, die mehr über die Erkrankung und die Substitution erfahren wollten.

Gleichzeitig gab es auch immer wieder Rückfragen mit Dr. Charlewood. So wie meine Begeisterung für das Projekt ständig wuchs, wurde mein Interesse an einem Besuch des Blutzentrums immer größer und ich fragte an, ob ein Besuch des Zentrums in Auckland möglich sei. Natürlich wollte ich Dr. Charlewood auch persönlich kennenlernen.

Auch diesmal kam die Antwort schnell und war positiv: „Wir freuen uns, Sie in unseren Räumlichkeiten persönlich kennenzulernen“.
An einem regnerischen Herbsttag in Neuseeland im März 2019 stiegen wir in ein Taxi, das uns nach Epsom, einem Stadtteil von Auckland, brachte.

Dr. Charlewood empfing uns sehr freundlich. Er ist Hämatologe (Blutspezialist) und stammt aus Südafrika. Zunächst begaben wir uns in den Blutspendesaal. Hier werden alle Blutspender „zur Ader gelassen“. Es gibt Spender, die reines Blut spenden und andere, die nur Blutplasma geben. Dabei wird in einem Separator das Blutplasma vom Blut getrennt. Die roten Blutkörperchen fließen wieder zurück in den Körper. Betreut werden die Patienten dabei von ausgebildeten Krankenschwestern.

Es waren noch einige Blutspender im Raum und Richard stellte mich einer Spenderin vor. Es war schon ein besonderer Moment, denn mir wurde sehr bewusst, dass wir Patienten von Menschen abhängen, die ihr Blut für uns spenden. Darüber machen wir uns oft zu wenig Gedanken.

Danach wurde es richtig kalt. Richard führte uns zur Kältekammer, in der die Blutspenden zwischengelagert werden. Bei minus 30 Grad tiefgefroren wird die Haltbarkeit des Blutes verlängert. Das Blut ist ohne Einfrieren maximal eine Woche haltbar.  Lange hielten wir es nicht in diesem Raum aus und es ging weiter zum Labor. Dort werden die Blutspenden auf Krankheiten wie HIV oder Hepatitis A bis C untersucht. Diese Untersuchungen sind sehr aufwändig und benötigen sorgfältige Arbeit. Die Erreger der Hepatitis A und B kommen relativ häufig vor und sind nicht einfach zu entdecken.

Ein Teil des Blutes wird als Blutplasma z.B. für Unfallpatienten verwendet, der größere Teil wird in Auckland vorsepariert oder danach an ein großes Unternehmen mit sehr teuren Blutsepariermaschinen nach Australien gesandt. In diesem Werk in Australien wird auch Blut aus Singapur und anderen asiatischen Staaten verarbeitet.

Im Rahmen dieses Separierungsvorgangs entstehen unterschiedliche Medikamente z. B. für Krebspatienten oder die Substitutionsmedikamente für die an Alpha-1 Erkrankten.

Um den Bedarf in Neuseelands Krankenhäusern zu decken, werden wöchentlich etwa 3000 Blutspenden benötigt: eine große Herausforderung für das Blutzentrum. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass die erforderlichen Blutgruppen genügend vorhanden sein müssen, was per Spenderregister geregelt wird. So findet ein reger Kontakt zwischen dem Blutzentrum und den Spendern statt, um Über- und Unterkapazitäten zu vermeiden.

In Neuseeland gibt es pro Jahr etwa 700 Transplantationen, die alle vom Blutzentrum gesteuert werden. Termine werden mit den Krankenhäusern besprochen, Blut wird bereitgestellt und die Patienten werden über die einzelnen Schritte informiert.

Zusätzlich werden Teams aus Sport, Wirtschaft oder Hobby animiert, gemeinsam Blut zu spenden. Es gibt eine Rangliste dieser Teams und darin die Zahl der Menschen angegeben, die durch diese Blutspenden gerettet wurden.

Je mehr ich an diesem Tag über die Logistik des Blutzentrums erfuhr, umso beeindruckter war ich.  Das Blutzentrum organisiert nicht nur alle Transplantationen in Neuseeland, sondern auch alle Infusionen mit Blutpräparaten. Da ich zu dieser Patientengruppe gehöre, war es selbstverständlich, dass auch für mich alles organisiert wurde. Vor Ort in den Krankenhäusern gab es jeweils einen Ansprechpartner, der/die mich wegen des Termins oder Rückfragen kontaktierte. So lernte ich eine ganze Reihe von Einheimischen kennen. In den jeweiligen Tageskliniken oder Ambulanzen wurde ich mit Tee, Brötchen und Obst versorgt, habe mit vielen anderen Patienten gesprochen und musste viele Fragen zum Alpha-1-Antitrypsinmangel beantworten.

Richard stellte mir abschließend noch eine Kollegin vor, die für die internationalen Kontakte zuständig ist. Sehr überrascht habe ich erfahren, dass die Dame vor nicht allzu langer Zeit in Köln war, um eine Stammzellenspende passend für einen Patienten mit Blutkrebs aus Neuseeland abzuholen.

Unabhängig von den täglichen Herausforderungen kommen auch neue Herausforderungen auf das Blutzentrum zu. Durch die Globalisierung und den Klimawandel vermischen sich die Menschengruppen in den einzelnen Staaten immer mehr, immer mehr Menschen aus dem polynesischen Raum ziehen durch Überschwemmung ihrer Inseln nach Neuseeland. Dadurch ergeben sich immer neue Blutvermischungen und die Suche nach Spendern erweitert sich auf den gesamten Südpazifik. Es werden Spender aus Polynesien, Samoa und unterschiedlichen Maoristämmen gesucht.

Der Nachmittag ging viel zu schnell zu Ende. Zum Abschied gab es noch ein Erinnerungsfoto und mein Versprechen einer Stadtführung in Köln für den nächsten Mitarbeiter, der in Köln eine Stammzellenspende abholt.

Es bleibt die Erinnerung an eine fabelhafte Organisation, viele menschliche Begegnungen in den Krankenhäusern, eine professionelle Abwicklung der Substitution in insgesamt acht Hospitälern und ein tiefer Einblick in die Versorgung von Patienten mit Blutprodukten.

Bernd Dobbert, so erschienen im Alpha1-Journal 1-2019.

P.S. Wer noch mehr über die Arbeit des Blutzentrums erfahren will, kann sich unter www.nzblood.co.nz weiter informieren.